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Achtzigtausend Pfund für Worawora

Die Geschichte eines Krankenhauses in Ghana

Worawora ist ein verschlafenes Städtchen nicht weit vom Volta-Stausee in Ghana. Die grünen Hügel um die Stadt sind von dichtem Gebüsch bewachsen, vereinzelt finden sich kleine Felder, auf denen Bohnen und Cassava angebaut werden. In den 50er und Anfang der 60er Jahre sah es hier noch anders aus. Worawora war eines der Zentren für den Kakaoanbau. Der Verkauf der Kakaobohnen brachte für die Menschen einen bescheidenen Wohlstand. Die Bevölkerung wuchs und machte eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung für die Menschen nötig. Dr. Döring, ein deutscher Arzt, der in Worawora ein Krankenhaus aufbaute, erinnert ,sich in einem Bericht an diese Zeit:

Lotte (meine Frau) und ich waren mit vier Kindern von 1951 bis 1962 mit Unterbrechungen in Ghana tätig. Ich war zuerst von einer amerikanischen Kirche für eine missionsärztliche Arbeit in Ghana angeworben worden, weil die Kirche in den USA keine Ärzte im eigenen Land fand. Da ich seit Beginn meines Studiums gern Missionsarzt geworden wäre, sagte ich sofort zu. Afrika war immer der Erdteil meiner Sehnsucht gewesen, war ich doch in Bukoba am Viktoriasee, Ostafrika, als Missionarssohn geboren. So wurde ich als Deutscher, von einer amerikanischen Kirche bezahlt, von der afrikanischen Evangelischen Presbyterianischen Kirche in Ghana angestellt. In Worawora im ehemaligen Kolonialgebiet Togo wurde ich plaziert, ein Haus eines Kakaobauern gemietet, in das ich mit der Familie einzog.

Ich begann meine Arbeit im April 1951 in Behelfsräumen, zunächst nur als ambulante Praxis in einem Gehütet mit Sprechzimmer, Apotheke, Verbandszimmer, Spritzenraum und Entbindungszimmer. Den Laboranten hatte ich im Sprechzimmer, um ihm die Grundlagen des Mikroskopierens beizubringen. Das Wartezimmer war der Hof, den ich teilweise mit einem Wellblechdach sonnen- und regensicher machte.

Bald kam ein weiteres Gehöft als erste Krankenstation mit 14 Betten gegenüber der Kirche dazu. Die Patienten lebten zunächst auf ihren Matten auf dem Boden, wie sie es daheim gewohnt waren. Ich mußte mich zur Behandlung auf die Knie begeben. Mit Hilfe eines tüchtigen Tischlers, der mir alle meine Möbelwünsche, die ich ihm mit Skizzen vortrug, erfüllte, wurden wir bald voll einsatzfähig: Bettgestelle, Bänke, Schemel, Tische, Regale, Schränke, ja sogar ein von mir entworfenes Entbindungsbett wurde von ihm in afrikanischer Eiche hergestellt.

Nach einigen Monaten schon reichte der Platz nicht aus. Ich mietete einen Kakaoschuppen als weitere Station mit 16 Betten und war damit voll ausgelastet. Die amerikanische Kirche hatte mir sehr bald nach dem Beginn der Arbeit 30.000 Dollar zum Bau eines Krankenhauses von 30 Betten in Aussicht gestellt. Das reichte aber nicht mehr aus. Ich hatte inzwischen einen endgültigen Platz für ein zukünftiges Hospital gefunden und erhalten. Es lag an einem leicht nach Norden ansteigenden Hang. Der Ort Worawora lag sozusagen vor meinen Füßen. Der Chief und sein Volk waren bereit, mir beim Bau des ersten Gebäudes zu helfen. Ich bekam einen gut ausgebildeten Maurer, der zusammen mit einem Tischler die Fachkräfte waren. Ich spielte den Architekten und Bauunternehmer. Das Gelände wurde frei gemacht. Ich stellte mich kurz entschlossen an einem Punkte auf, bildete mit meinen Armen einen rechten Winkel und rief: Hier soll das erste Haus stehen!

Wie glücklich war ich in diesem Augenblick! Mein Kopf voller Pläne und das Herz voll dankbarer Freude! Welchem Arzt wird schon solch eine Aufgabe gestellt?! Und ich fühlte mich, der ich diese große Aufgabe mit Mut und Vertrauen anpacken durfte, sehr glücklich. Die Gaben, die ich dazu brauchte, hatte der Schöpfer mir ja mitgegeben. Das erste Gebäude wurde im Laufe des Jahres 1953 fertig. Ich hatte, das muß ich noch nachtragen, von Oktober 1950 bis März 1951 in London auf der Schule für Tropenmedizin und -hygiene einen Kursus mit anschließender Diplomprüfung absolviert, hatte dort die Kenntnisse erworben, die man als Tropenarzt braucht. Dazu gehören auch Kenntnisse, wie man ein Haus tropentauglich und termitensicher baut. Nun hatte ich dies zu beweisen.

Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, kann ich nur mit großem Staunen und tiefbewegt erkennen, was für eine herrliche, einmalige Aufgabe das gewesen ist. Als wir das Gebäude einweihten, luden wir den damaligen afrikanischen Premierminister Kwami Nkrumah ein. Er kam und saß rechts neben mir. Da fragte er: »Und wieviel brauchen Sie, um das ganze Hospital zu bauen?« Ich mußte tief einatmen, es wirbelte in meinem Kopf, und ich sagte mutig und beherzt: »Achtzigtausend englische Pfund!« (Das waren damals 960.000 DM)! Seine Antwort: »Die sollen Sie haben!« - Na, das war wieder mal ein tolles Angebot! Kaum zu fassen!! Achtzigtausend Pfund!!!

Die Verhandlungen mit dem Gesundheitsministerium waren ziemlich zäh. Aber ich hatte eine große Chance: Die Vereinten Nationen interessierten sich gerade dafür, was in den ehemaligen deutschen Kolonien, die von England und Frankreich übernommen worden waren, an Aufbauarbeit geleistet worden war. So war das ehemalige Togo plötzlich ein Gebiet, das nun schnell gefördert werden mußte, um zu beweisen, daß man dieses Gebiet nicht vernachlässigt habe. So bekam ich die 80.000 Pfund und konnte nun mit einem schweizer Bauunternehmer, Contractor Lang, den Bau beginnen. Er machte mir kostenlos alle Zeichnungen, die für den Bau nötig waren, um den Bauauftrag zu erhalten. Alles klappte nach Wunsch!

Innerhalb von 15 Monaten wurde das Krankenhaus in den Jahren 1956/57 gebaut, mit fließend Wasser und Abwasser und elektrischem Licht mit Generator. Ich hatte die Möglichkeit, als Chirurg und Tropenfacharzt meine Wünsche und Vorstellungen zu realisieren; der Bauunternehmer tat sein Fachwissen hinzu. Und so standen wir 1957 vor einem großartigen Anfang. Ich hatte inzwischen an Hand von Prospekten alle benötigten Ausrüstungen für Operationssaal, Röntgenraum, Sprechzimmer, Apotheke und Labor, Krankenstationen und Wäscherei bestellt und herangeschafft. Neben all dieser Arbeit war noch der laufende Betrieb der Praxis zu erledigen. Geburtshilfliche Notoperationen mußten behelfsmäßig durchgeführt werden.

Daß das alles geschafft wurde, ist mir, nachträglich gesehen, ein Wunder. Wie war das nur möglich? Als Mitarbeiter hatte ich inzwischen eine deutsche Hebamme, Schwester Elfriede Bubigkeit vom Diakonieverein und drei amerikanische Schwestern erhalten. Auch war Frau Dr. Windisch als Ärztin bereits in Worawora tätig. Als das neue Krankenhaus mit etwa 100 - 120 Betten, mit Arzthäusern, Wohnungen für die Missionsschwestern und dem Komplex für die afrikanischen Pflegerinnen und Pfleger fertig war, kamen auch amerikanische Ärzte dazu. Der Betrieb lief im vollen Einsatz.

1958 mußte ich aus familiären Gründen ausscheiden und kehrte nach Deutschland zurück in eine neue Arbeit im Flüchtlingslager Stukenbrock.


Im Jahre 1993 nahm Dr. Döring 81jährig die Gelegenheit wahr, Ghana und „sein“ Krankenhaus wieder zu besuchen. Inzwischen hatte sich jedoch vieles verändert. Durch den Volta-Stausee, durch den große Teile der Felder überschwemmt wurden, und durch den Ausbruch einer Krankheit der Kakaopflanzen kam der Kakaoanbau fast gänzlich zum Erliegend Worawora wurde durch den See von seinem Haupteinzugsgebiet abgeschnitten. Viele Menschen zogen fort. Die sich stetig verschlechternden wirtschaftlichen Bedingungen zeigten überall ihre Spuren und führten zu einer zunehmenden Verarmung der Menschen. Dr. Döring schildert seine Eindrücke in seinem Bericht:


Wir machten uns am Nachmittag auf, um nun Worawora selbst zu besuchen. Der Weg dorthin, Richtung Süden, war auch recht schwierig. Er wurde, nachdem es dunkel geworden war, auch zum Abenteuer, das wir aber glücklich ohne Unfall überstanden haben. Endlich, um 22 Uhr kamen wir ans Ziel. Im Hospital brannte elektrisches Licht. Ich dachte erleichtert: Na, das funktioniert ja noch! Das ist ein schöner Anblick! Der Chairman des Hospitalvorstandes, der gleichzeitig auch der Linguist des Häuptlings ist, wurde schnell gerufen und begrüßte uns. Er war sehr erleichtert, daß wir doch noch gekommen waren. Die Häuptlinge der ganzen Gegend waren bereits seit 15 Uhr zusammengekommen, um uns zu begrüßen. Um 18 Uhr waren sie enttäuscht heimgezogen. Man hatte sich schon große Sorgen gemacht. Man hatte uns in dem Haus, in dem ich früher gewohnt hatte, ein Lager bereiten wollen, hatte dann aber versehentlich doch das Haus des Kollegen Moser, in dem jetzt der leitende Arzt , Dr. Mark Amexo, der Sohn meines früheren Krankenpflegers, wohnt, genommen. Er stellte uns seine Räume zur Verfügung! Doch rührend!

Am nächsten Morgen konnten wir noch schnell, bevor die offiziellen Riten begannen, einen Gang durch das Hospital machen. Äußerlich sah alles so schön aus, die Bäume hoch gewachsen, die Büsche herrlich grün, die Häuser dazwischen waren durch die Natur prächtig dekoriert, sie deckten die Schäden barmherzig zu. Die Wasserleitung, das Abwassersystem funktionierte seit Jahren nicht mehr. Alles mußte in Eimern herangeschafft werden. Wie schön hatte das alles früher funktioniert. Im Ort war damals eine zentrale Pumpstation gebaut worden, die das Wasser in ein großes Bassin über dem Hospital gepumpt hatte. Von dort war es dann an alle Wasserstationen geleitet worden. Man berichtete uns, daß die amerikanische Kirche seit 1967 keine Ärzte mehr habe stellen können. So hatte man das Krankenhaus wohl oder übel der Regierung übergeben müssen. Diese hat das Haus 20 Jahre lang geführt. Aber wegen der Mängel wollte seit 1987 kein Arzt mehr nach Worawora. Wenn man genauer hinsah, entdeckte man die Verwahrlosung des Hospitals. Die E.P. Kirche hat nun nach langen Verhandlungen erreicht, daß das Hospital seit dem 1 . Januar 1993 wieder unter kirchlicher Leitung steht. Sie hat inzwischen zwei Ärzte gefunden, die nun in aller Einfachheit eine Arbeit wieder angefangen haben. Der leitende Arzt sagte: Das Hospital ist sehr krank, es leidet vor allem an finanzieller Blutarmut, braucht dringend „Medizin“, am besten „Spritzen“. Aber genug von diesen mich sehr bewegenden traurigen Dingen.

(...)

Diese Tage in Ghana, vor allem die Stunden in Worawora, haben mich sehr bewegt. Die überschäumende Dankbarkeit nach über 30 Jahren und die Hoffnung, daß das Hospital wieder seine Bedeutung erlangen kann, treibt mich nun auch überall, wohin ich auch komme, nach Freunden für das Hospital, nach Paten zu suchen, die mir helfen bei der Hilfe zur Selbsthilfe der Bewohner von Worawora für ihr Hospital.


Dr. Dörings Hoffnnung und Wunsch scheint in Erfüllung zu gehen. Sein Sohn, der Ingenieur Christfried Döring, hat sich für die Sache begeistert und sich zum Ziel gesetzt, das Werk seines Vaters nicht dem Verfall preiszugeben. Mit viel persönlichem Engagement und mit der finanziellen Unterstützung von Spenderinnen und Spendern konnten inzwischen die Wasserversorgung des Krankenhauses verbessert und einige Ausrüstungen beschafft werden. Christfried Döring ist nun dabei, ein Konzept für eine Anpassung der Krankenhausausstattung und der Kapazitäten an die neuen Gegebenheiten und den tatsächlichen Bedarf in Worawora zu entwickeln. Wenn es gelingt, weitere Unterstützung und Spenden für dieses Projekt zu finden, kann Dr. Dörings Hoffnung vielleicht bald Wirklichkeit werden.


Wolfgang Blum (in Mitteilungen der Norddeutschen Mission, Bremen, Nr. 3, Juni - August 1997),
gescannt und nachbearbeitet von Björn Reimer 30. Mai 1998.

© 2004 by Christfried Döring, Björn Reimer

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